Ingeborg Jaisersebamed
Nordroute
Dem Wanderer winken Wunder
“Alles ginge besser, wenn man mehr ginge“, notierte Johann Gottfried Seume 1805. Da kehrte er von seinem „Spaziergang nach Syrakus“ zurück, einem achtmonatigen Marsch von Sachsen nach Sizilien. Ganz ohne Trekkingschuhe, Walking-Stöcke und funktionelle Wanderkleidung. Das käme heute ganz anders.
Über 200 Jahre später macht sich eine Gruppe Unerschrockener auf den Weg – im Gegensatz zu Seume jedoch bestens ausgestattet und feinstens versorgt. Wanderrallye 2009 nennt sich die 16tägige Expedition, bei der vier deutsche und ein luxemburger Mittelgebirge von West nach Ost erwandert werden. Grenzen sind gefallen, Währungen wurden vereinheitlicht und Karten weisen den Weg. Dennoch bedeutet diese Tour für alle Teilnehmer ein Wagnis und keiner wird unverändert zurückkehren. Auch ich nicht!
Kulinarische Sterne am Wanderhimmel
Start in Baiersbronn. “Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen”, beginnt ein Hauff`sches Märchen. Heutzutage versichert der örtliche Tourismusverband selbstbewusst: “Mehr Schwarzwald gibt’s nirgends“. Zweifellos tut die Gemeinde alles Erdenkliche, um ihr Versprechen einzulösen: allerorts üppiger Blumenschmuck, rustikaler Landhausstil und über 500km perfekt beschilderte Wege, die schnurstracks in den Wanderhimmel führen.
Einen fragwürdigen Kultstatus nimmt Lothar ein. Kurz vorm Milleniumswechsel fegte der Orkan binnen zweier Stunden 30 Millionen Kubikmeter Holz zu Boden. Noch heute sind tiefe Schneisen im Schwarzwald sichtbar und erfahrbar. Zum Beispiel auf dem Lotharpfad. Natur pur, auf der Größe von 10 Fußballfeldern. Begehbar auf einem Parcours von Treppen, Plattformen und umgefallenen Holzstämmen. Da kann man schnell mal die Bodenhaftung verlieren. Wen wundert’s, dass manche Wanderer beim Hinauslehnen über eine Brüstung die Nachricht „Willkommen in der EU“ aufs Handy gefunkt bekommen.
Was bleibt, wenn der Mensch nicht ordnend eingreift, zeigt der Bannwald. Staunend stiefeln wir über Traumpfade, gesäumt von blühendem Fingerhut und feinem Farn. Feucht dampft der Wald, über den ein Regenguss niederging. Märchenhafter Abstieg zum Wildsee. Plötzlich sind die Büros, Labore und Hörsäle unseres Alltags Lichtjahre entfernt. Was zählt, sind knorrige Wurzeln, reife Walderdbeeren und schillernde Käfer.
Natur macht Appetit. Nicht umsonst ist Baiersbronn bekannt für seine exquisite Gastronomie mit insgesamt 7 Michelinsternen. Ob in der urigen Gaststube des Seidtenhofs, wo die Vesperteller vor Schwarzwälder Schinken überquellen und die Toilette einen Ausblick auf den Kuhstall bietet, ob in der Dorfstube des Viersterne-Hotels Bareiss, wo nach einem Bachsaiblingsfilet ein Zibärtle-Schnaps verkostet wird - schnell wird klar, dass die Wanderrallye zugleich eine Gourmettour par excellence darstellt. Wer sein Menü gern unterm Sternenhimmel einnimmt, kann dies im Badezuber des Hotels Lamm zelebrieren, mit Massagen und Peelings zwischen den Gängen. Wellness pur!
Luxembourg 12 points
Luxemburg? Komplette terra incognita für die meisten von uns. Dabei sind Lea Linster, Desiree Nosbusch und Jean Pütz allseits bekannt. Das Empfangskomitee aus Echternacher Honoratioren im historischen Denzelt gibt auch uns das Gefühl, den VIP-Status erlangt zu haben: Reden werden geschwungen, Gastgeschenke verteilt, regionaler Riesling ausgeschenkt. Vom Interview mit Radio RTL ahnen wir noch nichts.
„100km Trail, 100% Natur“ lautet der hiesige Slogan. Müllerthal-Trail? Klingt das nicht nach beschwerlichen Tagesmärschen und unwegsamem Gelände? Doch welch Überraschung! Gleich hinter Echternach tut sich eine bizarre, verwunschene Felsenwelt auf, mit tiefen Schluchten, abenteuerlichen Pfaden und labyrinthartigen Gängen. Um den Romantikfaktor zu erhöhen, robben wir nicht mit Taschenlampen, sondern mit Kerzen durch das zerklüftete Felsareal Adventure Kohlscheuer. Auf engem Raum wechselt laufend die Szenerie, die über zahllose Stiegen und Stufen erklommen werden will. Ein bisschen wie Spiel ohne Grenzen. Und alles perfekt ausgeschildert. Unverzeihlich, von dieser grandiosen Gegend bisher nichts gewusst zu haben!
Viel französisches savoir vivre findet sich in Luxemburg, mit köstlichen Menüs und gekühlt serviertem Pinot Noir. Regionale Produkte stehen hoch im Kurs: wie der würzige Berdorfer Käse oder der leckere Cassero, ein Cassis-Likör aus dem Chateau de Beaufort. Nur ungern verlassen wir das familiäre, engagiert geführte Hotel Gruber, das direkt am Grenzfluss Sauer liegt. Dieses kleine Nachbarland hat Charme!
Vom Sauertal ins Sauerland
„Schöne Aussichten“ verspricht indes unsere nächste Station, Winterberg im Hochsauerland. Die Ausblicke haben sich auch hier schlagartig verändert, seit Orkan Kyrill 2007 über die Höhen wütete. Doch kahl war der Asten schon immer, mit 840 Metern der zweithöchste Berg Westfalens. Dies begeistert nicht nur die Holländer, die das Sauerland glatt zur 13. Provinz der Niederlande ernannten. Hinweisschilder sind hier grundsätzlich zweisprachig. Bedankt – en tot ziens.
Wanderungen führen über malerische Heidelandschaften und karge Höhenwege, auf den rauen Clemensberg und den Kahlen Asten. Ein Stück weit kreuzt auch der bekannte Rothaarsteig. Blaubeeren reifen im Überfluss. Brennnesseln säumen den Weg. Biker rasen downhill. Und der Bärwurz aus Wanderführer Kalles Flachmann schmeckt vorzüglich. Die gebratene Forelle im Mollseifener Wirtshaus sowieso.
Komfortabel logiert die Gruppe im Ferienresort Hapimag, wo auch die Biathlon-Legende Ricco Gross residiert. Doch unser randvolles Programm verbietet es, noch mit Ricco zu walken. Stattdessen ist ein Besuch der Panoramabrücke angesagt. Dicht gedrängt versammelt sich hier die Erlebniswelt Winterbergs: Sommerrodelbahn, MTB-Parcous, Sessellift, Kletterwald. So viel Event gibt`s nirgends. Doch wir müssen weiter.
Das Land der Vögte...
... beeindruckt durch Vielfalt und Superlative: Staatsbäder mit königlicher Geschichte, klingende T(h)äler mit Musikinstrumentenbau, Europas modernste Sprungschanze und Ostdeutschlands erster zertifizierter Wanderweg. Unser Hotel, der IFA Ferienpark Schöneck, imponiert mit 1052 Betten, 10 Stockwerken und einem berauschenden Panorama-Rundblick. Als ob’s ein Landschaftsgemälde der Romantiker wär.
Während andernorts die Höhenmeter reizen, ist im Vogtland entspanntes Wandern angesagt, über sanft geschwungene Hügel, durch schattige Wälder und verträumte Täler. Und plötzlich steht man mit einem Bein in der Tschechei. Im nächst gelegenen böhmischen Wirtshaus wird geknödelt und mit Schinken palatiert, was das Zeug hält. Die Portionen hauen selbst eingefleischte Gourmands aus den Wanderstiefeln. Wenn wundert da der grenzüberschreitende Schlemmertourismus? Überaus herzlich sind die Böhmen allemal.
Auch kulturell hat das Vogtland einige Highlights zu bieten. Nach dem Open-Air-Musical Evita des Parktheaters Plauen weinen wir uns mit dem Titelsong in den Schlaf. Doch auch dieser Abschied muss sein.
Deutschlands schönste Schweiz
Zeitgenossen Seumes waren es, die als Maler vor 200 Jahren das Elbsandsteingebirge bei Dresden besuchten und sich an ihre Schweizer Heimat erinnert fühlten. Zahlreiche Künstlerkollegen wie Caspar David Friedrich oder Carl Blechen folgten. Selbst Wanderexperte Andrack schwärmt vom außergewöhnlichen Reiz dieser Erosionslandschaft, die einst in der Kreidezeit entstand. Majestätische Tafelberge, atemberaubende Ausblicke und bizarre Felsformationen gehören zur letzten Station dieser Wanderrallye.
Der Malerweg lockt nicht nur mit pittoresken Motiven, sondern auch mit Naturerlebnissen der besonderen Art. Noch während wir auf den Schrammsteinen die Aussicht genießen, dräut ein Gewitter auf. Schnell runter, denn dieser Berg hat keinen Blitzableiter. Dennoch erwischt uns ein Jahrhundertunwetter. Am nächsten Morgen ist die Bastei in dichten Nebel gehüllt. Aussichtsplattformen wirken wie Raumschiffe im Orbit. Doch langsam lichtet sich das graue Gewaber und präsentiert die Felsenburg Rathen vor knallblauem Himmel. Diese schroffen Canyons wären sicherlich der Hit bei jeder Location Tour für den nächsten Wildwestfilm.
Verweile doch, du bist so schön
Nach so vielen Strapazen ist Genuss angesagt. In der *****Elbresidenz Bad Schandau verwöhnt uns eine ceylonische Crew mit ayurvedischen Gerichten und Massagen. Und am letzten Abend versammelt sich das ganze Wanderrallye-Team zum grandiosen Showdown auf der Festung Königstein. Nichts ist entspannender, als am nächsten Morgen ein ausgedehntes Frühstück auf der Hotelterrasse einzunehmen und die Beine lang zu strecken. Würden diese Momente von Stolz und Wehmut doch nie vorübergehen…
Die vergangenen 16 Tage haben Spuren hinterlassen. Mückenstiche, Muskelkater, Blasen. Und dennoch hat uns diese Mammutwanderung die Augen geöffnet und die Sinne geschärft. So viele Himmelreiche auf Erden. Fast vor unserer Haustür. Ohne Fernflüge. Ohne Jetlag. Ohne Stau. Fast wie zu Seumes Zeiten.
Ingeborg Jaiser

Adventure auf der Panoramabruecke

Auf dem rauen Clemensberg

Aussicht im Nebel

Entspanntes Wandern

Europas modernste Sprungschanze

Mehr Schwarzwald gibts nirgends
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Schuhe aus! (Doppelbelichtung)

Sooo lecker!

Schuhe

Willkommen in Berdorf